Archiv der Kategorie: Geschichte

Living History – Die Schlacht bei Hittin

Am 5. Juli 1187 fand bei den Hörnern von Hittin – unweit der Stadt Tiberias – die große Schlacht zwischen Saladin und den Kreuzrittern statt. Seit 2010 versucht eine Gruppe vorwiegend russischsprachiger Geschichts-Freaks jährlich das Kampfgeschehen am jeweils ersten Samstag im Juli nachzuspielen. Idee dieses „Living History“ Projekts ist es, die Geschichte nicht nur durch das Lesen von Büchern zu lernen, sondern durch die möglichst exakte Nachahmung der Ereignisse ein tieferes und realistisches Verständnis für die Geschichte zu erhalten.

Bereits zwei Tage vor dem Event machen sich die sog. „Live-Rollenspieler“ hierfür zu Fuß oder zu Pferd von der Wasserquelle in Zippori auf den Weg zum historischen Schlachtfeld. Um die Herausforderungen der Route möglichst vollkommen nachzuvollziehen, tragen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer die entsprechende Kleidung (Kettenhemden, Rüstungen etc.) und Waffen wie vor 830 Jahren. Am Abend speisen sie beim Licht von Öllampen mittelalterliche Mahlzeiten und als Geschirr verwenden sie selbstverständlich Ton- und Steingefäße. Selbst die Nacht verbringen sie in extra für dieses Ereignis hergestellten Stoff-Zelten.

Höhepunkt des drei Tage dauernden Projekts ist die Nachahmung der berühmten Schlacht westlich der zwei Hörner vulkanischen Ursprungs, bei welchen sich bis heute ein großes Getreidefeld (Hittin) befindet.

Nachdem ich in den letzten Jahren öfters von diesem Ereignis gehört hatte, machte ich mich diesen Samstag mit Familie und Freunden auf den Weg, diesem Spektakel einmal persönlich beizuwohnen. Gegen 13.00 Uhr erreichten wir die Hörner und warteten mit etwa 300 anderen Schaulustigen bei 40 Grad (!) auf das Kommen der Kreuzritterarmee.

Mit einiger Verspätung ging es nach Eintreffen des Heers dann auch sehr schnell richtig zur Sache: Hoch zu Ross oder als einfacher Kämpfer zu Fuß zogen das muslimische Heer und die Kreuzritter gegeneinander zu Feld, schlugen mit Schwertern aufeinander ein oder schossen mit Steinschleudern und Pfeilen in Richtung der Gegner. Die durchgängig russischsprachigen gegenseitigen Beschimpfungen wurden durch „allahu akbar“ (Gott ist der Größte) Rufe der Kämpfer Saladins unterbrochen. Was für eine Show!

Nachdem dem fliehenden König Guido von Lusignan (König von Jerusalem)
während der Schlacht das heilige Kreuz entrissen wurde, fielen dieser und Fürst Rainald von Chatillon schließlich in die Hände der Muslime.

Während Saladin beschloss, den durstigen Kreuzritterkönig zu begnadigen und ihm sogar ein gekühltes Glas Wasser anbot, hatte er mit Rainald von Chatillon, der in der Vargangenheit mehrere Waffenstillstandsabkommen gebrochen und muslimische Karawanen angegriffen hatte, weniger Mitleid. Nach einem kurzen Dialog schlug er ihm stattdessen mit gezücktem Säbel eigenhändig den Kopf ab.

Saladin wendet sich an Rainald von Chatillon:
Saladin: „Wenn ich in Deinem Gefängnis wäre, was würdest du mit mir machen?
Rainald: „Hast du noch Zweifel? Ich würde Dir den Kopf abhacken!“
Saladin: „Du – mein Gefangener – wagst es, frech und respektlos zu sein?
[Der Kopf wird abgeschlagen]

Nach der Köpfung ruft der triuphierende Saladin: „Ich möchte, dass man diesen Kopf mit dem Pferd nach Damaskus bringt, damit alle wahrhaftig Gläubigen (Muslime) sehen, dass die Gerechtigkeit siegt… Allahu Akbar“

Die Schlacht von Hittin gilt als eine der wichtigsten Schlachten des Mittelalters, da es Saladin im Anschluss dank der nunmehr weitgehend zerstörten Kreuzritter- Streitkraft innerhalb kürzester Zeit gelang, einen Großteil der Kreuzritter-Festungen einzunehmen.
Nur Akko blieb dem 2. Kreuzfahrerreich und Richard Löwenherz erhalten, bis schließlich auch dieses 1291 fiel und die Muslime die Herrschaft über das Land wieder übernahmen.

Die Living History Nachstellung ist eine (ungewollt?) witzige Rekonstruktion der Ereignisse, die man sich bei Gelegenheit durchaus anschauen sollte!

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Was macht Anne Frank in einem israelischen Einkaufszentrum?

Heute ist in Israel „Yom Hashoa“, der Holocaust-Gedenktag und beim Schreiben dieses Blogbeitrages stand ich vor einem Dilemma: Soll der Titel lauten: „Holocaustgedenken – Ein Vergleich zwischen Deutschland und Israel“ oder doch „Was macht Anne Frank in einem israelischen Einkaufszentrum?“

Die Ernsthaftigkeit der ersten Überschrift steht dabei scheinbar im Gegensatz zur Ironie der zweiten.

Ich habe in den letzten Jahren immer mal wieder meine Gedanken zum Holocaustgedenken in Israel schriftlich festgehalten. Und auch heute möchte ich den Gedenktag nutzen, um auf die unterschiedlichen Umgangsformen mit dem Thema in Deutschland und Israel einzugehen.

Ein Hauptunterschied zu Deutschland liegt darin, dass israelische Kinder und Jugendliche schon sehr früh motiviert werden, eigene Formen der Erinnerung zu entwickeln. Ein interessantes Beispiel ist dabei die Mevoot – Grundschule in Beer Tuvia, wo eine engagierte Lehrerin gemeinsam mit Eltern, Großeltern und natürlich den Kindern ein eigenes Holocaustmuseum gegründet hat.

Am heutigen Holocaust-Gedenktag führen nun Kinder der 6. Klasse ihre Eltern und andere Besucher durch die Ausstellung und erzählen vom Schicksal eines kleinen Jungen, der am Ende des Krieges nach Israel kommt und schließlich in einem Kibbutz aufwächst. Neben der Einführung des gelben Sterns und der Ghettos werden in der Ausstellung auch die Orte der Vernichtung nicht ausgespart.

Diese sehr frühe Konfrontation der israelischen Kinder mag in Deutschland viele irritieren, führt in Israel jedoch dazu, dass Kinder schon sehr verschiedene Wege des „Sich-Erinnerns“ kennenlernen und anschließend bereits in jungen Jahren beginnen, sich eigene Wege zur Erinnerung erarbeiten.

Für diesen Beitrag habe ich einige Freunde gefragt, was sie früher als  Jugendliche an Yom Hashoa gemacht haben. Einige von ihnen, die in einer der Jugendbewegungen aktiv waren, erzählten von Diskussionen, ob man sich anlässlich von Yom Hashoa mit aktuellen Genoziden beschäftigen sollte, mit den Kriegen in Ruanda, Darfur oder den Flüchtlingen aus Eritrea. Könnte – so fragten sie sich – Yom Hashoa vielleicht ein Anlass sein, über die eigene Verantwortung für Unrecht zu diskutieren, welches heute geschieht? Wie steht es in Israel heute mit der Zivilcourage? Ein früheres Mitglied der Gruppe des „Hashomer Hazair“ – des „Jungen Wächters“ erzählte, sie lasen anlässlich des Yom Hashoa Texte über die Gleichgültigkeitdes marxistischen Philosophen Antonio Gramsci, einem Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens . Andere besuchten eine „alternative Gedenkzeremonie“ in Tel Aviv, eine Inititative der „Dritten Generation“ wo diskutiert wurde, ob und für wen das Stillstehen während der Sirene heute noch Sinn macht.

Gestern erfuhr ich, dass in einer Schule im Zentrum Jerusalems die Schüler beschlossen, die Eingangslobby mit schwarzen Tüchern zu verhängen und Zugschienen auf dem Boden zu „kleben“, die an die Transporte ins Vernichtungslager Auschwitz erinnern sollten. Viele Lehrerinnen und Lehrer der Schule waren von der Idee überhaupt nicht begeistert, doch die letztendliche Entscheidung über die Frage, wie das Gedenken dieses Jahr zu gestalten ist, lag hier zu 100% bei den Jugendlichen selbst.

Von dieser Vielfalt an Gedenkzeremonien, Ritualen, privaten Initiativen und Engagement kann in Deutschland nicht die Rede sein. Das heißt nicht, dass in Deutschland das Thema nicht präsent ist. Ich glaube durchaus, dass in Deutschland sehr viel über das Thema nachgedacht wird. Gerade in der dritten und mittlerweile vierten Generation erlebe ich bei meinen Gruppen eine interessante Mischung aus einem Nachdenken über die Verantwortung Deutschlands heute und einem ehrlichen Interesse für die Biographien und Geschichten der Opfer. Gleichzeitig erlebe ich in Deutschland jedoch so etwas wie eine Ur-Angst, bei möglichen Gedenkformen und Zeremonien etwas „falsch“ zu machen.

Eine deutsche Teilnehmerin eines Jugendaustauschs erzählte mir einmal, wie sie mit gleichaltrigen Israelis das Konzentrationslager Ravensbrück besuchte. Als die Gruppe während der Führung erfuhr, dass die Asche der Toten teilweise in den benachbarten Schwedtsee geschüttet wurde, beschlossen die israelischen Teilnehmer spontan, eine Gedenkzeremonie zu begehen, holten eine israelische Flagge aus dem Rucksack, zündeten Kerzen an und sprachen Gedichte. Die deutsche Teilnehmerin erzählte mir von ihrer Irritation: Einerseits war sie fasziniert von der Selbstverständlichkeit und dem Selbstbewusstsein der Israelis, andererseits wusste sie nicht, ob sie an der Trauerzeremonie gleichberechtigt teilnehmen „dürfe“, da sie doch „aus dem Tätervolk“ stamme. Sie fühlte sich überfordert und empfand auch Schuldgefühle, keine wirkliche Trauer empfinden zu können für Menschen, die sie überhaupt nicht kannte. Der israelischen Initiative hatten die deutschen TeilnehmerInnen nichts entgegenzusetzen. Erst ein Besuch in Israel und die Begegnung mit Überlebenden hätten ihr geholfen, mit ganzem Herzen die Trauer Mitzuempfinden und entsprechend auch an solchen Zeremonien teilnehmen zu können.

Ich glaube, eine der großen Herausforderungen in Deutschland ist, dass jene Generation, die mit der Aufarbeitung der Geschichte begonnen hat, den heutigen Jugendlichen nicht zutraut, eigene Gedenkformen zu entwickeln und selbstbestimmt zu verfolgen. Zwar gibt es Versuche, junge Menschen in die Planung neuer Gedenkstätten mit einzubeziehen, so z.B. bei der Planung einer neuen Gedenkstätte am Hannoversche Bahnhof am Lohseplatz in Hamburg, von wo aus ab 1940 Juden wie auch Sinti und Roma in verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt, wurden: Vor der Errichtung der Gedenkstätte wurden Jugendliche in einem Projekt aufgefordert zu überlegen, welche aktuellen Themen ihrer Meinung nach in Bezug zur Geschichte der Hamburger Deportationen stehen und wie solche Verknüpfungen zur Gegenwart im Rahmen der Ausstellung integriert werden können/ dürfen/ sollen. Auch im Anne Frank Zentrum gibt es das Projekt „Schüler führen Schüler“.

Dass Jugendliche ernsthaft Verantwortung in diesem Bereich übernehmen dürfen, erscheint mir jedoch die Ausnahme.index

Was hat das nun mit Anne Frank und dem israelischen Einkaufzentrum zu tun?

Während man in Deutschland manchmal zu ängstlich ist, etwas „falsch“ zu machen und das Resultat darin besteht, auf viele Gedenkzeremonien und Projekte komplett zu verzichten, scheint es mir manchmal in Israel an einer gewissen Sensibilität zu fehlen. So, als letztes Jahr zur „Verschönerung“ einer Jerusalemer Shopping Mail eine Anne Frank Statue neben dem Eingangsportal aufgestellt wurde. Ohne Kommentar und jegliche Kontextualisierung. Was macht Anne Frank in einem israelischen Einkaufszentrum? Was hat sie dort zu suchen?

UPDATE:

Gestern Abend hielt  Yair Golan, der stellvertretende Chef des Generalstabs der Israelischen Armee eine bewegende Rede in der er u.a. sagte:

„On Holocaust Remembrance Day, it is worthwhile to ponder our capacity to uproot the first signs of intolerance, violence, and self-destruction that arise on the path to moral degradation […] The Holocaust should bring us to ponder our public lives and, furthermore, it must lead anyone who is capable of taking public responsibility to do so, […] Because if there is one thing that is scary in remembering the Holocaust, it is noticing horrific processes which developed in Europe – particularly in Germany – 70, 80, and 90 years ago, and finding remnants of that here among us in the year 2016. […] The Holocaust, in my view, must lead us to deep soul-searching about the nature of man, […] It must bring us to conduct some soul-searching as to the responsibility of leadership and the quality of our society. It must lead us to fundamentally rethink how we, here and now, behave towards the other. […] There is nothing easier and simpler than in changing the foreigner, […] There is nothing easier and simpler than fear-mongering and threatening. There is nothing easier and simpler than in behaving like beasts, becoming morally corrupt, and sanctimoniousness.“
Sein Vergleich der aktuellen politischen Entwicklungen in Israel mit jenen in Deutschland in der 1930er Jahren hat in Israel eine große Diskussion ausgelöst. Es zeigt sich: Auch 70 Jahre nach Kriegsende führt der Holocaust-Gedenktag immer wieder zu hitzigen Diskussionen, die bei einer reflektierte Wahrnehmung der Gegenwart und für die Gestaltung einer besseren Zukunft eine wichtige Bedeutung einnehmen können.

Neue Multimedia Installation an der Via Dolorosa eingeweiht.

In unserer High Tech Welt möchten auch die Kirchen mit der Zeit gehen, und nachdem die lutherische Erlöserkirche mit ihrer gelungenen Ausstellung „Durch die Zeiten“ schon seit einigen Monaten die archäologischen Funde unterhalb und neben der Kirche präsentiert und durch Computerstationen sehr eindrücklich erklärt und veranschaulicht, folgt nun auch die katholische Kustodie des Heiligen Landes mit einem kleinen Museum direkt am Anfang der Via Dolorosa.

Erste Station

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine Multimedia-Installation in Form einer Film-Leinwand, die von der Decke hängt. Eine Stimme begrüßt die Besucher im Namen der Stadt Jerusalem. Während Lichtscheinwerfer nacheinander verschiedene Objekte der Ausstellung anstrahlen (Mauerreste, Säulenkapitelle oder Kanonenkugeln), wird in 15 Minuten die Geschichte der Stadt zusammengefasst.
Persönlich hätte ich es passender gefunden, wenn sich das Museum ausschließlich auf die Geschichte der Via Dolorosa konzentrieren würde, anstatt zu versuchen, innerhalb kürzester Zeit über 2000 Jahre Stadtgeschichte zusammenzufassen. Anstelle der Aufzählung historischer Daten und Ereignisse wäre eine Erklärung der Umstände der Verurteilung Jesu oder zumindest eine historische Interpretation der 14 Stationen des Leidensweges interessanter gewesen. Auch die Tonqualität der Erklärungen lässt leider zu wünschen übrig.

Dennoch ist der Ansatz der Franziskaner, die Heiligen Orte der Stadt zeitgemäß und auch mit technischen Hilfsmitteln zu präsentieren, sicher richtig.

Tiraz – Palästinensische Stickereien im Museum für Islamische Kunst

20160110_111104Das Museum für Islamische Kunst in Jerusalem zeigt in seiner neuen Wechselausstellung kunstvoll bestickte Hochzeitskleider palästinensischer Frauen aus den Jahren 1880 – 1948. Die Kleider stammen aus der Sammlung Manuel Kleidmans und werden erstmals einer breiten Öffentlichkeit präsentiert.

Traditionell erlernten junge Mädchen bereits im Alter von 10 Jahren die palästinensische Stickkunst. Die Kleider, auf Arabisch Thob genannt, waren meist aus schwarzem Stoff gefertigt und reichten vom Oberkörper bis zu den Füßen. Entsprechend dauerte die Verzierung des Kleides oft viele Monate. Der Wert dieser Stickkunst lässt sich auch daran ermessen, dass das Brautkleid oft das wichtigste Kleidungsstück der Aussteuer war und nach der Hochzeit nur noch zu ganz besonderen privaten oder öffentlichen Festen getragen wurde.20160110_111111
Gleichzeitig ermöglicht eine genaue Betrachtung dieser Trachten Rückschlüsse auf die Herkunft und finanzielle Situation der Familien. Beduinische Mädchen im Süden des Landes, die oft als Schaf- und Ziegenhirtinnen viel Zeit hatten, investierten weit mehr Zeit in die Verschönerung ihrer Kleider als Mädchen in den Galliläischen Bergen, die durch Landarbeit zeitlich weit mehr eingebunden waren.

Das hier zu sehende weiße Kleid stammt von einer wohlhabenden Christin aus Ramallah und besticht durch seinen Münzschmuck. Interessanterweise nutzte die Familie neben osmanischen Münzen auch Münzen der Österreichisch-Ungarischen Monarchie – ein besonderer Weg, den Wohlstand der Familie zu präsentieren. Die Kopfbedeckung auf dem Foto links darunter besteht komplett aus Münzen und wiegt etwa 8kg!

20160110_111128Normalerweise findet sich ein Großteil der Stickereien auf dem Brustbereich und an der Unterseite des Kleides. Neben geometrischen Formen und Pflanzenornamentik erkennt man Stickereien vom Halbmond, von Sternen und Wellen. Die traditionelle Vorstellung war, dass die Darstellung positiver Naturkräfte die Braut vor bösen Dämonen und dem sogenannten „Bösen Blick“ schützen könnte. Eine ähnliche Funktion erfüllten gestickte Tierdarstellungen.

Neben den Stickereien gab es natürlich auch qualitative Unterschiede bei der Wahl der Materialien. Das rechts unten abgebildete sehr wertvolle Kleid aus feinem Atlas-Stoff 20160110_111235wurde durch eine kunstvoll gestaltete Burka ergänzt. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass die Burka wie auch die Stickereien im Brustbereich weniger der Verhüllung der Frau dienen, als vielmehr ihre Attraktivität verstärken sollten.

Die Ausstellung ist bis Ende März im Islamischen Museum zu sehen.

L. A. Mayer Museum für islamische Kunst
HaPalmach St 2
Jerusalem, 91040

 

 

 

 

Reisetipp: Auf den Spuren des Sanhedrin

Wir befinden uns im Jahre 69 nach Christus. Ganz Judäa ist von den Römern besetzt…. Ganz Judäa? Nein! Ein von unbeugsamen Juden bevölkertes Städtchen namens Jerusalem hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Doch leider verfügt die jüdische Gemeinde der Stadt nicht über jenen berühmten Zaubertrank, welcher die Gallier vor weiteren Übeln schützte und bereits im Jahre 70 gelang es dem römischen Feldherrn Titus die Stadt zunächst zu erobern und schließlich zu zerstören.

Dies hätte das Ende des Judentums bedeuten können. Doch der berühmte jüdische Rabbiner Jochanan Ben Zakkai hatte das große Unglück vorhergesehen und die belagerte Stadt gerade noch rechtzeitig verlassen. Die Legende erzählt, er hätte vom römischen General Vespasian die Erlaubnis erhalten, mit seinen Schülern eine Akademie in Yavne, südlich vom heutigen Tel Aviv zu gründen. Hier versammelte sich in den folgenden Jahren der „Sanhedrin“ – eine Art „Rat“ jüdischer Autoritäten – der bis zu seiner Auflösung im dritten Jahrhundert die Entwicklung des Judentums nachhaltig prägte. Schon bald verlegte dieser Sanhedrin seinen Standort in den Norden des Landes, der sich in den folgenden Jahrhunderten zum Zentrum jüdischen Lebens im Heiligen Land verwandelte.

Stationen des Sanhedrin

Stationen des Sanhedrin

Spätestens im Jahre 140 gelangte der Sanhedrin nach Beit Shearim – heute östlich von Haifa gelegen. Antike Schriften erzählen uns von einem prachtvollen Ort jüdischen Lernens, wo der Patriarch Juda Ha-Nassi die Schlussredaktion der „Mishna“ – eine schriftliche Aufzeichnung der Religionsgesetze – vorgenommen haben soll. Hier soll Ha-Nassi sogar begraben liegen und es wird berichtet, dass bei seinem Begräbnis die Sonne am Himmel wartete bis auch der letzte seiner zahlreichen Schüler dem großen Rabbiner die letzte Ehre erweisen konnte. Und tatsächlich: Inmitten von Kreidehügeln fanden Archäologen in den weichen Kreidestein gegrabene Katakomben mit zahlreichen gewölbten Grabkammern und Hunderten Sarkophagen mit Hebräischen und Griechischen (!) Inschriften. Die Sarkophage aus Kalkstein oder Marmor (je nach Stellung des Toten) weisen beeindruckende Verzierungen auf. Sie zeigen Adler und Löwen, aber auch jüdische Symbole wie den siebenarmigen Leuchter oder das Eingangstor zum jüdischen Tempel. Nach dem Tode des Patriarchen entwickelte sich der Ort offenbar zu einem beliebten Begräbnisort wohlhabender Juden aus der gesamten Region.

Grabeshöhle in Beit Shearim

Grabeshöhle in Beit Shearim

Von Beit Shearim wanderte der Sanhedrin weiter nach Zippori, ein auf dem Gipfel eines kleinen Berges gelegenes Städtchen, indem sowohl Römern als auch Juden lebten. Auch hier sind die archäologischen Funde nicht weniger imposant. Neben einem beeindruckenden römischen Theater mit etwa 4500 Sitzen und dem jüdischen Priesterviertel, in welchem fast jedes Haus über ein privates rituelles Tauchbad (Mikwe) verfügte, wurde in einem etwas tiefer gelegenen Stadtviertel eine Synagoge aus dem 6. Jahrhundert ausgegraben, die besonders wegen ihres beeindruckenden Mosaikfußbodens sehenswert ist.

Nilometer Mosaik in Zippori

Nilometer Mosaik in Zippori

Neben zahlreichen Szenen aus der Bibel und einem Sternzeichenkreis findet sich in der Mitte der Synagoge die Darstellung von Helios, dem griechischen Gott der Sonne. Die jüdischen Bewohner der Stadt schienen sich um die alten Traditionen der Religion nicht besonders zu scheren, sondern versuchten stattdessen, die umliegenden heidnischen Gottesvorstellungen in das eigene Gottesbild zu integrieren. Beeindruckende Mosaikfußböden finden sich in Zippori mehr als in jeder anderen archäologischen Fundstelle Israels. In einer römischen Villa fand sich sogar die Darstellung eines Trinkwettbewerbs zwischen dem Gott des Weines Dionysus und Herkules. Ob diese Villa vielleicht sogar die Zweitwohnung des Juda Ha-Nassi gewesen sein könnte, ist unter den Historikern umstritten.

"Mona Lisa" Mosaik in Zippori

„Mona Lisa“ Mosaik in Zippori

 

Besucht man heute als Tourist die galiläischen Berge, hört und liest man viel über die Bedeutung der Region für das Christentum. In Nazareth verbrachte Jesus einen Großteil seines Lebens. Hier wie auch an der Nord-Westküste des Sees Genezareth heilte er Kranke, vollbrachte Wunder und scharte zahlreiche Jünger um sich. Vergessen wird dabei oft die jüdische Geschichte der Region. Die vergangenen Zeilen versuchten, dem geneigten Leser Lust zu machen, bei einem zukünftigen Israelbesuch auch ein paar abgelegene, aber nicht weniger spannende Orte jenseits der ausgetretenen Pilgerpfade zu besuchen.

Heiliger Müll, oder Pessachputz an der Klagemauer.

Die Kotel – auch unter dem Namen „Klagemauer“ bekannt, gilt als einer der wichtigsten Orte des Judentums. Unweit der Stelle, wo bis vor 2000 Jahren der jüdische Tempel stand, sei –  so erzählt es die mystische Lehre der Kabbala – die „göttliche Anwesenheit“ ganz besonders präsent. Entsprechend entwickelte sich bereits vor vielen hundert Jahren die Tradition, kleine Briefe mit Fürbitten und Wünschen in eine der zahlreichen Ritzen der Mauer zu stecken, in der Hoffnung, dass diese Gebete vom lieben Gott vielleicht etwas schneller erhört werden könnten.

Heute können Gläubige ihre Wünsche sogar per Internet nach Jerusalem schicken, wo sie ausgedruckt und in eine der Spalte gestopft werden. Für eine kleine Spende ist man unter www.jerusalemwesternwall.com sogar dazu bereit, einen Rabbiner dabei zu filmen, wie er das kleine Zettelchen in eine der Mauerspalten drückt und es segnet. Anschließend wird das Video des Ganzen auf YouTube veröffentlicht.

Während manche Gläubige statt kleinen Briefen auch mal ein paar hundert ungedeckte Schecks an der Klagemauer hinterlassen, zeigte sich Bart Simpson in der berühmtem Israel-Folge grundsätzlich skeptisch, ob die vielen ausformulierten Wünsche überhaupt erfüllbar sind.

Oft werde ich gefragt, was eigentlich mit den vielen Millionen Papierschnitzeln passiert, die sich über die Jahre ansammeln? Die Antwort lautet, dass sie 2x im Jahr (vor dem Neujahrsfest Rosh Hashana und vor Pessach) von extra ausgebildeten Arbeitern unter der Aufsicht des zuständigen Rabbiners gesammelt und auf dem großen jüdischen Ölberg-Friedhof begraben werden. Vor ihrer Arbeit müssen die Arbeiter übrigens noch in der Mikwe (dem rituellen Tauchbad) untertauchen und selbstverständlich ist es gemäß der Halacha streng verboten, die Gebete und Texte auf den zahlreichen Zetteln zu lesen.

  Briefe in Plastiksack  20130403_115225  20130403_11470720130403_114601

Heute standen vor der Klagemauer zwei große Wägen mit Müllsäcken, aufgefüllt mit Hunderten von diesen kleinen Zettelchen, kurz bevor Sie zum Ölberg gebracht werden sollten. Ich habe die Säcke als Beweis für meinen Blog fotografiert. Kurzum: Es gibt wieder Platz für neue Gebete!

Purim in Tel Aviv Anfang der 30er Jahre.

An Purim, dem „jüdischen Fasching“, feiern Juden die Errettung des jüdischen Volkes vor den Vernichtungsplänen Hamans, eines hohen Regierungsbeamten des persischen Königs Xerex I im 5. Jh. v.Zt.. Der biblische Bericht erzählt in geradezu märchenhafter Form von Königin Esther und ihrem Cousin und Adoptivvater Mordechai, denen es ihr durch kluges und mutiges Handeln gelang, die Tötung sämtlicher Juden durch Hamans Schergen zu vereitelten.

Der bekannteste Purim/Karnewalls-Umzug ist der Aloyada-Umzug in Tel Aviv.

Das Adloyada-Festival geht auf das Jahr 1912 zurück. Der Name bedeutet übersetzt soviel wie: „bis man nicht mehr weiß“. Er leitet sich von einer alten rabbinischen Aussage ab, nach welcher man an Purim soviel feiern (und durchaus trinken) darf/soll, bis man nicht mehr zwischen dem Bösewicht Haman und dem Helden Mordechai unterscheiden kann.

Die Archivaufnahmen im folgenden Youtube-Film zeigen Aufnahmen des Tel Aviver „Adloyada“ Umzugs Anfang der 30er Jahre. Zu sehen sind wunderbare Aufnahmen der alten Zugstation, des alten Mugrabi-Opernhauses und der Allenby-Straße. An der Spitze des Umzugs reiten (!) Bürgermeister Meir Dizengov und Avraham Aldema (Lehrer am Gymnasia Herzeliya).

Unbedingt anschauen & Purim Sameach (ein fröhliches Purimfest)

Versuch einer Selbstverortung – Jüdische Studierendenverbände im Nachkriegsdeutschland

Im deutschsprachigen e-Newsletters von Yad Vashem veröffentlich die israelische Holocaust Gedenkstätte viermal im Jahr historische Hintergrundtexte und pädagogisches Material rund um das Thema Holocaust Education. In der aktuellen Ausgabe findet sich auch ein Artikel von mir über die Gründung und Entwicklung der jüdischen Studierendenverbänden im Deutschland der 50er und 60er Jahre.

Wer sich für den Artikel interessiert, kann ihn hier lesen.

Link

Israel veröffentlicht Protokolle zum Olympiaattentat 1972

Heute, am 5. September 2012, jährt sich der 40. Jahrestag des Anschlages auf die israelische Olympiamannschaft 1972. Gegen 4.35 Uhr früh stürmten acht Mitglieder der palästinensischen Terrortruppe „Schwarzer September“ das Olympischen Dorf in München. Zwei israelische Sportler konnten flüchten, der Ringer Mosche Weinberg und der Gewichtheber Jossef Romano wurden erschossen. Insgesamt gelang es den Terroristen, neun israelische Sportler in ihre Gewalt zu bringen. Nach einem schlecht geplanten und völlig chaotischen Befreiungsversuch durch die deutschen Behörden wurden schließlich alle israelischen Sportler ermordet.

Anlässlich des Jahrestages veröffentlicht das Israel State Archives erstmals Protokolle, welche die Diskussionen zwischen den israelischen und den deutschen Behörden dokumentieren.

Aus den Dokumenten geht z.B. hervor, dass die israelische Regierung die deutsche Regierung dazu aufforderte, die Spiele zumindest solange auszusetzen, bis die israelischen Geiseln befreit seien. Die deutsche Regierung lehnte den Vorschlag mit dem Hinweis ab, dass dem deutschen Fernsehen keine alternativen Programme zur Verfügung ständen, da man sich vollkommen auf die Übertragung der Spiele eingestellt hätte.

Die überlebenden Terroristen wurden in Deutschland übrigens nie vor Gericht gestellt. Nach der Entführung einer Lufthansa Maschine wenige Wochen nach den Attentat in München entschied die deutsche Regierung, die inhaftierten Terroristen gegen die deutschen Geiseln auszutauschen. Während in Israel diese Entscheidung auf große Kritik stieß, verteidigte Willy Brandt die Entscheidung der Bundesregierung und betonte in einem Brief an die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir, dass die „Haltung der Bundesregierung kein Zurückweichen gegenüber dem Terrorismus“ bedeuten würden.

Eine ausführliche deutschsprachige Dokumentation der olympischen Tragödie mit zahlreichen kleinen Filmen, Bildern und Hörfunkreportagen findet sich übrigens auch unter:

http://www.olympia72.de/attentat1.html
http://www.olympia72.de/attentat2.html
http://www.olympia72.de/attentat3.html
http://www.olympia72.de/attentat4.html
http://www.olympia72.de/attentat5.html
http://www.olympia72.de/attentat6.html

Yad Vashem – Gedenken im Wandel


Gedenkstätten erzählen von der Vergangenheit. Sie sind jedoch gleichzeitig auch ein Spiegel der Zeit und des Ortes, in denen sie entstanden sind. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat mich gebeten, einen Artikel über Yad Vashem zu schreiben. Die Idee war, Yad Vashem vorzustellen und einer deutschen Leserschaft einen Überblick über Ausstellungskonzeption, Quellensicherung und die pädagogische Arbeit der israelischen Holocaust-Gedenkstätte zu vermitteln. Diese Woche wurde der Artikel schließlich in der Wochenzeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” abgedruckt und ist nun auch online lesbar.

http://www.bpb.de/apuz/141896/yad-vashem-gedenken-im-wandel