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Einer der schönsten Wanderwege der Welt: Der Israel National Trail

Der Sommer nähert sich seinem Ende und nach der heißen Jahreszeit beginnt in Israel wieder die Zeit des Wanderns. Einer der beliebtestesten Wanderwege Israels ist dabei der Israel National Trail (INT), welchen National Geographics sogar zu einem der zehn schönsten Fernwanderwegen weltweit erklärt hat. Er umfasst eine Strecke von etwa 1050 km und ist perfekt für Langstreckenwanderer mit einem Faible für antike und zeitgenössische Geschichte. Selbstverständich führt er auch zu einigen der bedeutendsten Orten der jüdischen und christlichen Geschichte.

Der vielleicht wichtigste Grund für die Begehung des Israel National Trail ist jedoch, dass er Einblicke in eine Seite Israels ermöglicht, die inmitten der politischen Schlagzeilen oft verloren gehen: die landschaftliche Schönheit und Vielfalt des Landes. Auch die Begegnungen mit anderen Wanderern und die israelische Gastfreundschaft in den Kibbuzim entlang der Strecke (in denen Wanderer manchmal sogar kostenlos übernachten können), machen den besonderen Charme dieses Wanderweges aus.

 

Der südliche Wanderabschnitt des Israel National Trail beginnt in Eilat am Roten Meer. Durch die atemberaubende Weite der Negev Wüste, vorbei an kleinen Kibbuzim und modernen Städten (mit der Möglichkeit, in Tel Aviv und Jerusalem zu stoppen), führt der Shvil Israel – wie der Israel Trail auf Hebräisch heißt –  sowohl durch spektakuläre Landschaften als auch in den modernen Alltag Israels.

Im Norden verläuft der Israel Trail entlang der Mittelmeerküste und führt am fast 200 Meter unter dem Meeresspiegel liegenden See Genezareth sowie am Jordan vorbei zur Nordgrenze des Landes.

 

Selbstverständlich kann man auch nur kleine Teile des Shvils gehen. Für einen eintägigen Ausflug lohnt sich zum Beispiel der Aufstieg auf den Gipfel des Mount Tabor mit der Kirche der Verklärung. Von hier aus kann man die Jezreel Ebene bis zum Mount Carmel, Galiläa, die Golanhöhen und den Mount Hermon überblicken.

Zum Wanderweg gehört auch der steile Aufstieg auf den Gipfel der Muhraqa,  wo nach dem biblischen Buch der Richter, Barak und 10.000 Israeliten, Sisera und die Kanaaniter geschlagen haben. Ebenso führt er durch das Karmel-Gebirge, welches sowohl für Juden und Christen als auch für Ahmadiyya-Muslime und Anhänger der Bahá’í heilig ist.

Tipp: Eine Besonderheit des National Trails sind die „Trail Angels“, die entlang der gesamten Strecke Wanderern ihre Hilfe und oft einen Platz zum übernachten anbieten. Eine aktualisierte Liste der Trail-Angels mit Kontaktinformationen finden Sie hier…

Reiseleiter-Israel.de bedankt sich bei Andrea Krogmann sowie SK-Tours in Nature für die Zurverfügungstellung der tollen Photos!

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Sicherheit in Israel – Tipps zum Schutz vor (Trick-)betrügern

Vorab: Israel ist ein sicheres Reiseland und sogar im europäischen Vergleich würde ich sagen, dass wir hier relativ wenig Kleinkriminalität erleben. Trotzdem findet man selbst in Jerusalem Betrüger, die sich vor allem an den von Touristengruppen gerne besuchten Sehenswürdigkeiten aufhalten. Einige davon sind uns als israelische Reiseleiter nur allzu bekannt und wenn man die typischen Vorgehensweisen der Betrüger erstmal verstanden hat, kann man sich gut vor ihnen schützen. Die Idee für diesen kleinen Artikel bekam ich durch ein Video des Journalist Conor Woodman, der an beliebten Sehenswürdigkeiten weltweit eine Serie über die Maschen von (Trick-)betrügern gedreht hat. Der in Israel gefilmten Beitrag der Serie „Scam City“ illustriert sehr genau, wie die Betrüger am Jerusalemer Ölberg, in der Altstadt und an der Klagemauer vorgehen.

1) Der Ölberg in Jerusalem ist für viele Israelreisenden ein Muss. Besonders die Aussichtsplattform ist beliebt, denn von hier aus eröffnet sich ein wunderbarer Blick auf die Altstadt von Jerusalem und den Tempelberg. Dem jüdischen Glauben nach wird von hier der Messias nach Jerusalem gehen und alle Toten auferwecken – daher die unzähligen Gräber am Hang. Für Christen ist dies u.a. der Ort, von dem aus Jesus gen Himmel gefahren ist.

Vorsicht ist auf dem Ölberg vor den zahlreichen Verkäufern von Panorama-Karten geboten. Während die Karte vor ihnen ausgebreitet wird und Sie nach Kleingeld kramen, zieht Ihnen der angebliche Verkäufer, verdeckt durch das Poster, blitzschnell und sehr geschickt mit zwei Fingern weiteres Geld aus dem Portemonnaie. In unten angefügten Video wird das in der Minute 36.42 gezeigt.

Generell ist es empfehlenswert, keine großen Bargeldsummen beim Sightseeing bei sich zu tragen und gut auf Ihre Tasche und das Smartphone zu achten.

2) Vom jüdischen Viertel aus in Richtung der Klagemauer, einem der heiligsten Orte für gläubige Juden, werden auf der Treppe oberhalb des Zugangs von Pseudo-Rabbinern rote Armbänder angeboten. Diese sollen angeblich vor dem „bösen Blick“ schützen und Glück bringen. Nachdem die einfache rote Schnur um das Handgelenk gewickelt wurde, verlangt der angebliche Rabbiner jedoch hohe Summen an Geld, als „Spende“ für seinen Segen.

Tatsächlich wird das rote Band im Judentum selbst eher als Aberglaube abgetan und ist auch in keiner kabbalistischen Quelle zu finden. Die Männer sind also keineswegs religiös sondern einfache Betrüger, die das an Touristen verdiente Geld für eigene Zwecke verwenden. Somit bringt das Band vor allem den Verkäufern Glück und Wohlstand ein.

Lassen Sie sich ihren Israelurlaub nicht von Trickbetrügern verderben und verzichten Sie lieber auf das rote Band und den Kauf von Souvenirs auf dem Ölberg und im Umfeld von beliebten Sehenswürdigkeiten.

Wer Zeit und Lust hat, sich den ganzen Film anzuschauen, wird auch viel über gefälschte Antiquitäten erfahren, die einige Händler der Altstadt aus dem Libanon (römisches Glas) und aus Syrien einführen. Es finden sich aber auch gestohlene echte Antiquitäten, die aus Museen aus dem Irak und Lybien stammen.

Das Yung Yidish Kulturzentrum in Tel Aviv

Neve Sha’anan gehört zu den vernachlässigten Stadtvierteln Tel Avivs. Unweit des schicken Rothschild-Boulevards mit seinen zahlreichen Restaurants und Cafés wie auch den weißen Häuser im Bauhaus-Stil haben sich in den letzten Jahren vor allem afrikanische Flüchtlinge angesiedelt, die das Stadtbild rund um den Levinsky Park prägen. Hier befindet sich auch die „Tachana merkazit“ – nach Neu Delhi der zweitgrößte Busbahnhof der Welt. Das siebenstöckige Gebäude ist ein Koloss aus Beton, größtenteils ohne Fenster und in seinem Inneren labyrinthartig verschachtelt, mit langen Gängen und zahllosen Rolltreppen, billigen Geschäften und Imbissbuden, eine Art Stadt innerhalb der Stadt. Drei der sieben Stockwerke und damit die Hälfte der Geschäfte des ursprünglich auch als Einkaufszentrums geplanten Bahnhofs stehen inzwischen leer und verwahrlosen.

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Verlassene Gänge und leere Geschäfte im Zentralen Busbahnhof von Tel Aviv

Eigentlich gehört dieser Ort nicht zu den typischen Zielen touristischer Gruppen. In der 5. Etage, am Ende eines düsteren Ganges, eröffnet sich inmitten leerstehender Läden jedoch plötzlich eine ganz eigene, verwunschene Welt: hier hat Mendy Cahan, Schauspieler, Sänger und Literaturwissenschaftler, YUNG YiDiSH gegründet, ein gemeinnütziges Kulturzentrum, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, jiddische Kultur und die jiddische Sprache vor dem Vergessen zu retten.

Hinter einem mit Postkarten und Flyern beklebten Schaufenster verbirgt sich ein großer, kunstvoll eingerichteter Raum, der Regale voll mit jiddischen Büchern, aber auch Schallplatten, Zeitschriften, Briefe, Spiele und jiddische Artefakte beherbergt. Allein die Musikbibliothek besteht aus über 2000 jiddischen Liedern, Schallplatten und Kassetten. Seit Beginn seines Bestehens hat YUNG YiDiSH rund 50.000 Bücher gesammelt und damit vor der Zerstörung oder zumindest vor dem Vergessen bewahrt. Sie stammen von privaten Spendern, aus Nachlässen, von Institutionen und Bibliotheken die geschlossen wurden, wurden auf Märkten oder auf der Straße gefunden. Viele Werke liegen jedoch noch in Kisten und warten darauf, katalogisiert zu werden.
Fast im Minutentakt erzittern die Bücher in den langen Regalen und die Decke vibriert, weil direkt oberhalb des Zentrums die Busse vorbeirollen.
Ein Besuch bei Yung-Yiddish gleicht einer Zeitreise in die Vergangenheit. Es macht Spaß, in alten Zeitschriften der 50er Jahre zu blättern und z.B. auf die Photos des Beauty Contest: „Die schönsten jüdisches Frauen Amerikas“ zu stoßen. Und passend zum Pessach-Fest nächste Woche war ich beruhigt, dass auch in vergangenen Zeiten die Menschen am Seder-Abend möglichst schnell zum Essen kommen wollten, anstatt sich allzulange mit dem Lesen alter biblischer Texte aufzuhalten.
Mendy, der selbst jiddischsprachig aufgewachsen ist, erklärt meiner Gruppe, dass das Jiddische noch viel älter ist, als manche vermutet hätten. Es  entwickelte sich vermutlich zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert im Südwesten Deutschlands aus dem Mittelhochdeutschen heraus und war die Sprache der aschkenasischen Juden in Europa. Man unterscheidet das West- und das weiter verbreitete Ostjiddisch, wobei etwa 30 Prozent der Wörter aus dem Hebräischen und Aramäischen, der Rest aus dem Deutschen bzw. weiter im Osten, aus slawischen Sprachen stammen. Jiddisch wird mit hebräischen Buchstaben von rechts nach links geschrieben.

Bei der Frage nach den heutigen Nutzern des Bibliothek schmunzelt Mendy und erzählt von einem 102-jährigen Jiddisch-Leser, dem er regelmäßig Bücher nach Eilat – ganz im Süden den Landes –  sendet. Bei ihrem letzten Telefonat hätte dieser ihn jedoch gebeten, ihm keine „komplizierten Bücher“ sondern lieber „leichte Lektüre zur Entspannung“ zuzuschicken.

YUNG YiDiSH ist aber nicht nur eine Bibliothek sondern auch ein Ort für Konzerte, Lesungen, Theaterabende, Ausstellungen und verschiedenste künstlerische Experimente. Regelmäßig finden hier auf der Bühne umgeben von tausenden jiddischen Büchern kulturelle Veranstaltungen statt. Das Zentrum hat sich so zu einer Art lebendigem Jiddisch-Museum entwickelt, das Jung und Alt, Studenten und Wissenschaftler, Touristen aber auch die Jiddisch-Muttersprachler im Land anzieht.

Weitere Infos finden sich unter: yiddish.co.il/about/

PS: Bei meinem letzten Besuch in Yung Yidish traf ich Judith Poppe, die einen sehr schönen Artikel über das Yung Yidish Kulturzentrum in der taz veröffentlich hat. Vielen Dank für die Zusendung!

Was macht Anne Frank in einem israelischen Einkaufszentrum?

Heute ist in Israel „Yom Hashoa“, der Holocaust-Gedenktag und beim Schreiben dieses Blogbeitrages stand ich vor einem Dilemma: Soll der Titel lauten: „Holocaustgedenken – Ein Vergleich zwischen Deutschland und Israel“ oder doch „Was macht Anne Frank in einem israelischen Einkaufszentrum?“

Die Ernsthaftigkeit der ersten Überschrift steht dabei scheinbar im Gegensatz zur Ironie der zweiten.

Ich habe in den letzten Jahren immer mal wieder meine Gedanken zum Holocaustgedenken in Israel schriftlich festgehalten. Und auch heute möchte ich den Gedenktag nutzen, um auf die unterschiedlichen Umgangsformen mit dem Thema in Deutschland und Israel einzugehen.

Ein Hauptunterschied zu Deutschland liegt darin, dass israelische Kinder und Jugendliche schon sehr früh motiviert werden, eigene Formen der Erinnerung zu entwickeln. Ein interessantes Beispiel ist dabei die Mevoot – Grundschule in Beer Tuvia, wo eine engagierte Lehrerin gemeinsam mit Eltern, Großeltern und natürlich den Kindern ein eigenes Holocaustmuseum gegründet hat.

Am heutigen Holocaust-Gedenktag führen nun Kinder der 6. Klasse ihre Eltern und andere Besucher durch die Ausstellung und erzählen vom Schicksal eines kleinen Jungen, der am Ende des Krieges nach Israel kommt und schließlich in einem Kibbutz aufwächst. Neben der Einführung des gelben Sterns und der Ghettos werden in der Ausstellung auch die Orte der Vernichtung nicht ausgespart.

Diese sehr frühe Konfrontation der israelischen Kinder mag in Deutschland viele irritieren, führt in Israel jedoch dazu, dass Kinder schon sehr verschiedene Wege des „Sich-Erinnerns“ kennenlernen und anschließend bereits in jungen Jahren beginnen, sich eigene Wege zur Erinnerung erarbeiten.

Für diesen Beitrag habe ich einige Freunde gefragt, was sie früher als  Jugendliche an Yom Hashoa gemacht haben. Einige von ihnen, die in einer der Jugendbewegungen aktiv waren, erzählten von Diskussionen, ob man sich anlässlich von Yom Hashoa mit aktuellen Genoziden beschäftigen sollte, mit den Kriegen in Ruanda, Darfur oder den Flüchtlingen aus Eritrea. Könnte – so fragten sie sich – Yom Hashoa vielleicht ein Anlass sein, über die eigene Verantwortung für Unrecht zu diskutieren, welches heute geschieht? Wie steht es in Israel heute mit der Zivilcourage? Ein früheres Mitglied der Gruppe des „Hashomer Hazair“ – des „Jungen Wächters“ erzählte, sie lasen anlässlich des Yom Hashoa Texte über die Gleichgültigkeitdes marxistischen Philosophen Antonio Gramsci, einem Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens . Andere besuchten eine „alternative Gedenkzeremonie“ in Tel Aviv, eine Inititative der „Dritten Generation“ wo diskutiert wurde, ob und für wen das Stillstehen während der Sirene heute noch Sinn macht.

Gestern erfuhr ich, dass in einer Schule im Zentrum Jerusalems die Schüler beschlossen, die Eingangslobby mit schwarzen Tüchern zu verhängen und Zugschienen auf dem Boden zu „kleben“, die an die Transporte ins Vernichtungslager Auschwitz erinnern sollten. Viele Lehrerinnen und Lehrer der Schule waren von der Idee überhaupt nicht begeistert, doch die letztendliche Entscheidung über die Frage, wie das Gedenken dieses Jahr zu gestalten ist, lag hier zu 100% bei den Jugendlichen selbst.

Von dieser Vielfalt an Gedenkzeremonien, Ritualen, privaten Initiativen und Engagement kann in Deutschland nicht die Rede sein. Das heißt nicht, dass in Deutschland das Thema nicht präsent ist. Ich glaube durchaus, dass in Deutschland sehr viel über das Thema nachgedacht wird. Gerade in der dritten und mittlerweile vierten Generation erlebe ich bei meinen Gruppen eine interessante Mischung aus einem Nachdenken über die Verantwortung Deutschlands heute und einem ehrlichen Interesse für die Biographien und Geschichten der Opfer. Gleichzeitig erlebe ich in Deutschland jedoch so etwas wie eine Ur-Angst, bei möglichen Gedenkformen und Zeremonien etwas „falsch“ zu machen.

Eine deutsche Teilnehmerin eines Jugendaustauschs erzählte mir einmal, wie sie mit gleichaltrigen Israelis das Konzentrationslager Ravensbrück besuchte. Als die Gruppe während der Führung erfuhr, dass die Asche der Toten teilweise in den benachbarten Schwedtsee geschüttet wurde, beschlossen die israelischen Teilnehmer spontan, eine Gedenkzeremonie zu begehen, holten eine israelische Flagge aus dem Rucksack, zündeten Kerzen an und sprachen Gedichte. Die deutsche Teilnehmerin erzählte mir von ihrer Irritation: Einerseits war sie fasziniert von der Selbstverständlichkeit und dem Selbstbewusstsein der Israelis, andererseits wusste sie nicht, ob sie an der Trauerzeremonie gleichberechtigt teilnehmen „dürfe“, da sie doch „aus dem Tätervolk“ stamme. Sie fühlte sich überfordert und empfand auch Schuldgefühle, keine wirkliche Trauer empfinden zu können für Menschen, die sie überhaupt nicht kannte. Der israelischen Initiative hatten die deutschen TeilnehmerInnen nichts entgegenzusetzen. Erst ein Besuch in Israel und die Begegnung mit Überlebenden hätten ihr geholfen, mit ganzem Herzen die Trauer Mitzuempfinden und entsprechend auch an solchen Zeremonien teilnehmen zu können.

Ich glaube, eine der großen Herausforderungen in Deutschland ist, dass jene Generation, die mit der Aufarbeitung der Geschichte begonnen hat, den heutigen Jugendlichen nicht zutraut, eigene Gedenkformen zu entwickeln und selbstbestimmt zu verfolgen. Zwar gibt es Versuche, junge Menschen in die Planung neuer Gedenkstätten mit einzubeziehen, so z.B. bei der Planung einer neuen Gedenkstätte am Hannoversche Bahnhof am Lohseplatz in Hamburg, von wo aus ab 1940 Juden wie auch Sinti und Roma in verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt, wurden: Vor der Errichtung der Gedenkstätte wurden Jugendliche in einem Projekt aufgefordert zu überlegen, welche aktuellen Themen ihrer Meinung nach in Bezug zur Geschichte der Hamburger Deportationen stehen und wie solche Verknüpfungen zur Gegenwart im Rahmen der Ausstellung integriert werden können/ dürfen/ sollen. Auch im Anne Frank Zentrum gibt es das Projekt „Schüler führen Schüler“.

Dass Jugendliche ernsthaft Verantwortung in diesem Bereich übernehmen dürfen, erscheint mir jedoch die Ausnahme.index

Was hat das nun mit Anne Frank und dem israelischen Einkaufzentrum zu tun?

Während man in Deutschland manchmal zu ängstlich ist, etwas „falsch“ zu machen und das Resultat darin besteht, auf viele Gedenkzeremonien und Projekte komplett zu verzichten, scheint es mir manchmal in Israel an einer gewissen Sensibilität zu fehlen. So, als letztes Jahr zur „Verschönerung“ einer Jerusalemer Shopping Mail eine Anne Frank Statue neben dem Eingangsportal aufgestellt wurde. Ohne Kommentar und jegliche Kontextualisierung. Was macht Anne Frank in einem israelischen Einkaufszentrum? Was hat sie dort zu suchen?

UPDATE:

Gestern Abend hielt  Yair Golan, der stellvertretende Chef des Generalstabs der Israelischen Armee eine bewegende Rede in der er u.a. sagte:

„On Holocaust Remembrance Day, it is worthwhile to ponder our capacity to uproot the first signs of intolerance, violence, and self-destruction that arise on the path to moral degradation […] The Holocaust should bring us to ponder our public lives and, furthermore, it must lead anyone who is capable of taking public responsibility to do so, […] Because if there is one thing that is scary in remembering the Holocaust, it is noticing horrific processes which developed in Europe – particularly in Germany – 70, 80, and 90 years ago, and finding remnants of that here among us in the year 2016. […] The Holocaust, in my view, must lead us to deep soul-searching about the nature of man, […] It must bring us to conduct some soul-searching as to the responsibility of leadership and the quality of our society. It must lead us to fundamentally rethink how we, here and now, behave towards the other. […] There is nothing easier and simpler than in changing the foreigner, […] There is nothing easier and simpler than fear-mongering and threatening. There is nothing easier and simpler than in behaving like beasts, becoming morally corrupt, and sanctimoniousness.“
Sein Vergleich der aktuellen politischen Entwicklungen in Israel mit jenen in Deutschland in der 1930er Jahren hat in Israel eine große Diskussion ausgelöst. Es zeigt sich: Auch 70 Jahre nach Kriegsende führt der Holocaust-Gedenktag immer wieder zu hitzigen Diskussionen, die bei einer reflektierte Wahrnehmung der Gegenwart und für die Gestaltung einer besseren Zukunft eine wichtige Bedeutung einnehmen können.

Araber über Juden über Orthodoxe über die Hamas über Zionismus über Schwule etc.

Was denken ultraorthodoxe Juden über den Zionismus? Was wissen sie über Jesus und Mohammed? Wo befindet sich nach Ansicht jüdischer Israelis Palästina? Wollen jüdische Israelis, dass die arabische Welt Israel als „Jüdischen Staat“ anerkennt? Was halten Palästinenser von dieser Forderung? Was halten arabische Israelis von „Ihren“ Abgeordneten in der Knesset? Was denken Sie über die Hamas? Warum wollen arabische Israelis nicht (?) in der israelischen Armee dienen? Was denkt man in Bethlehem über Homosexualität?

Gil Shuster Youtube

Diese und viele weitere Fragen stellt Corey Gil-Shuster mit seiner Videokamera „bewaffnet“ ganz unbedarften Israelis und Palästinensern. Er trifft sie im Supermarkt, in der Universität, im Park oder in der Synagoge. Die Antworten überraschen! Selten hört man wirklich radikale Stimmen, auf beiden Seiten erhält er oft sehr differenzierte und nachdenkliche Antworten. Manchmal verwundert die Unwissenheit vieler Passanten, wenn es z.B. darum geht, eine Landkarte Israels und der palästinensischen Gebiete zu zeichnen! Es wird deutlich, dass sich viele Israelis und Palästinenser letztendlich nur oberflächlich mit „dem Konflikt“ beschäftigen und sich lieber anderen Themen widmen.

Gil-Shuster stammt ursprünglich aus Kanada und wanderte 1995 nach Israel ein. Auf seiner YouTube Seite versucht er, Palästinensern und Israelis ein authentischeres Bild der Ansichten von der jeweils „anderen“ Seite zu vermitteln. Ein sehr schönes Projekt, das auch interessierten Beobachtern aus dem Ausland die unterschiedlichen Perspektiven und die Komplexität verschiedener Identitäten deutlich macht.

Draw Israel

Israeli Arabs: Will you serve in the Israeli army?

Secular Jewish Israelis: Would you date someone not Jewish?

 

 

 

 

 

Schwarzer Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Kürzlich fuhr ich mit dem von Tel Aviv nach Jerusalem und sah auf der Hinterseite des Sammeltaxis eine Werbung, die von der Aufmachung auch aus der Hippie-Zeit der 70er Jahre stammen könnte. Blumen, eine kleines Herzchen und ein Peace-Zeichen schmücken einen Lila Schriftzug, der es jedoch in sich hatte:  Übersetzt stand da in etwa: Eines Tages wird uns der Iran angreifen… aber bis dahin genießen wir das Leben in der „Interkom-Bar“ + Adresse etc.

Werbung der Interkom-Bar

Auch eine Schokoladenbrotaufstrich-Firma karikierte in einem Fernsehspot kürzlich einen möglichen Krieg zwischen Israel und dem Iran, um ihr Produkt an die Leute zu bringen.

Dieser humorvolle Umgang mit realen Bedrohungsszenarien haben in Israel eine lange Tradition. Das beste Beispiel hierfür ist die israelischen Comedy Show „Eretz Nehederet“, die selbst die kürzlichen Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hamas mit viel Ironie, aber auch sehr kritisch, begleitete.

Da die Sendung leider nicht mit englischen Untertitel zu finden ist, anbei eine kurze Zusammenfassung:

Am Anfang kündigt der „Nachrichtensprecher“ an, dass es heute etwas im TV zu sehen gibt, dass es schon laaaange – nämlich seit gestern Abend – nicht mehr zu sehen gab. Eine Sondersendung zur Operation „Wolkensäule“. Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak wird interviewt und lispelt, dass eine Militäroperation vor den Parlamentswahlen eine lange Tradition habe und der israelische Militärsprecher – ausgestattet mit zwei großen Zahnlücken – kündigt der Hamas an, dass der Beschuss israelischer Städte „schwerliegende Folgen“ mit sich bringen würde. Er spricht dabei tiefsten Straßenslang und klingt vom Vokabular her eher wie ein Marktschreier auf dem Gemüsemarkt von Jerusalem als wie ein verantwortungsvoller Militär. Verschiedene Politiker kommentieren das Geschehen mehr oder weniger idiotisch und prügeln sich und auch der israelische Ministerpräsident freut sich in einer Rede darüber, dass der Krieg die Opposition bei den nächsten Wahlen schwächen wird. Die Schlussszene der Sendung karikiert schließlich das Verhalten der Zivilbevölkerung beim Raketenalarm in Tel Aviv.

Zum Film von Eretz Nehederet

Dieser schwarze Humor ist kein Zeichen dafür, dass die Menschen solche Bedrohungen nicht ernst nehmen würden. Im Gegenteil! Dennoch bietet schwarzer Humor ein Ventil, gerade bei angstinduzierenden Themen Frustration abzubauen und auf ein gutes Ende zu hoffen.

Wettbewerb „Vorurteil und Wirklichkeit: Wie ist der Staat Israel entstanden?“

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) Stuttgart und Mittlerer Neckar möchte Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg ermutigen, sich kritisch mit Vorurteilen gegenüber Israel auseinanderzusetzen. Dazu veranstaltet sie einen Schülerwettbewerb.
Schülerinnen und Schüler sind eingeladen, sich mit dem Thema „Vorurteil und Wirklichkeit: Wie ist der Staat Israel entstanden?“ zu beschäftigen. Sie können darüber einen Aufsatz schreiben, ein Video drehen, einen Song komponieren oder anders kreativ werden. Nicht nur individuelle, sondern auch gemeinsame Beiträge von Schülergruppen und Klassen werden angenommen. Ausdrücklich erwünscht ist, dass Lehrerinnen und Lehrer ihre Schülerinnen und Schüler bei einer Teilnahme unterstützen. Der oder die Gewinner erhalten ein Preisgeld von 300 Euro.
Zusätzlich zum Wettbewerb plant die DIG Stuttgart und Mittlerer Neckar gemeinsam mit der israelischen Botschaft im Februar Informationsveranstaltungen zur Gründung Israels an ausgewählten Schulen. Interessierte Schulen können sich per E-Mail bewerben:
baerbel.illi@t-online.de.

Weitere Informationen zum Wettbewerb finden Sie unter:
www.dig-stuttgart.net/?page_id=935
Einsendeschluss: 31. März 2013

Willkommen

Willkommen auf dem offiziellen Blog von www.reiseleiter-israel.de

Der Blick auf Israel und seine Bevölkerung gleicht einem bunten Bild, das sich aus vielen kleinen Mosaiksteinchen zusammensetzt. Araber und Juden, Religiöse und Säkulare, Sefarden und Aschkenasen, Linke und Rechte. Wer Israel verstehen möchte, muss sich mit den vielen sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen der Menschen hier auseinandersetzen. Die schillernde Kunstszene in Tel Aviv, der religiöse Pluralismus in Jerusalem, der Hummus-Fanatismus in Abu Gosh und die Naturspektakel in der israelischen Wüste sind nur Beispiele der ausgeprägten Gegensätze, die dieses Land zu bieten hat.

Ein Steinchen in diesem großen Mosaikbild waren lange Zeit auch die deutschsprachigen Juden in Israel, die dieses Land gerade in den Anfangsjahren maßgeblich mitgeprägt und gestaltet haben.

Nicht zufällig schrieb Theodor Herzl das Begründungswerk des neuen jüdischen Staates 1897 auf Deutsch. Von Herzl stammt auch das berühmte Zitat: „Wir können doch nicht Hebräisch miteinander reden. Wer von uns weiß genug Hebräisch, um in dieser Sprache ein Bahnbillet zu kaufen.“

Als es kurz vor dem ersten Weltkrieg zur Gründung der Technischen Universität in Haifa kam, entbrannte ein heftiger Streit, ob bei aller zionistischen Ideologie nicht doch lieber Deutsch Unterrichtssprache sein sollte. Der „Hilfsvereins der deutschen Juden“, welcher 1914 für den Namen „Technikum“ und nicht „Technion“ plädierte, drohte gar, der Institution jegliche Hilfe zu verweigern, sollte sich Deutsch nicht als Unterrichtssprache durchsetzen.

Die Dominanz des Deutschen in manchen Teilen Israels war auch den arabischen Nachbarn bekannt. Während des Unabhängigkeitskrieges 1948 warfen Irakische Flugzeuge Flugblätter über der Stadt Nahariya ab, worin sie Zivilbevölkerung – auf Deutsch – dazu aufgefordert wurde, von der Idee der Gründung eines jüdischen Staates Abstand zu nehmen.

Die Zahl der Deutschsprachigen ist in Israel mittlerweile stark zurückgegangen. Obwohl sich die Deutschkurse des Goetheinstituts großer Beliebtheit erfreuen, ist die Szene sehr übersichtlich und klein geworden.

Als Tourguide in Israel betreue ich meist an Politik und Geschichte des Landes interessierte Gruppen. In diesem Blog möchte ich nun – jenseits meiner Führungen durch das Land – etwas über das (und mein) Leben in diesem niemals langweilig werdenden Land erzählen. Ausflug- und Veranstaltungstipps sollen sich hier ebenso finden lassen wie Kommentare zu politisch aktuellen Entwicklungen und neue Erkenntnisse aus der Welt der Archäologie und Geschichte. Zielgruppe des Blogs sind sowohl Israelbesucher wie auch deutschsprachige Israelis und überhaupt alle, die an dem Land und den Menschen interessiert sind.

Über Feedbacks und Kommentare jeglicher Art würde ich mich freuen.