Archiv für den Monat April 2012

Holocaust-Gedenktag in Israel

Diese Woche fand in Israel der Gedenktag für die Opfer des Holocaust – Yom Hashoa statt. Während in Deutschland am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar – Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee) für die meisten Menschen „Business as Usual“ bedeutet, spürt man in Israel, dass dieser Tag auch 67 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht an Bedeutung verloren hat. Bereits am Vorabend von Yom Hashoa schließen im ganzen Land die Kneipen, Cafés und Diskotheken ihre Pforten. Im Radio wird ausschließlich traurige und melancholische Musik gespielt und im Fernsehen reiht sich eine Holocaust Dokumentation an die nächste. Sogar viele Hotels schmücken ihre Lobbys mit kleinen Holocaust Mahnmalen und an den Hotelbars wird kein Alkohol ausgeschenkt.

Besonders beeindruckend ist jedes Jahr wieder das Aufheulen der Sirenen um 10 Uhr morgens. Menschen unterbrechen ihre Arbeit, mitten auf der Straße steigen Menschen aus ihren Autos und selbst im sonst so turbulenten Supermarkt wird es plötzlich ganz still. Schweigend legen die Menschen eine Trauerminute ein.

Diese Woche begleitete ich den Freundeskreis Yad Vashem – Österreich während einer Rundreise durch Israel. Während der gemeinsamen Teilnahme an den offiziellen Gedenkfeierlichkeiten in Yad Vashem fiel mir mal wieder auf, wie sich der Umgang der Israelis mit dem Holocaust in den letzten Jahren verändert hat.

Betrachtet man israelische Holocaust-Denkmäler aus den 60er und 70er Jahren, so lässt es sich erkennen, dass der gewaltsame Widerstand gegen die Nazis im Zentrum der israelischen Erinnerungskultur stand. Widerstandskämpfer wie Mordechaj Anielewicz galten den jungen Israels als Vorbilder bei ihrem eigenen Überlebenskampf während der zahlreichen Kriege, die Israel gegen die scheinbar übermächtigen arabischen Armeen zu führen hatte.

Völlig anders gestaltete sich die diesjährige Gedenkzeremonie, welche unter dem Motto: „Der Einzelne und die Gemeinschaft. Jüdische Solidarität während des Holocaust.“ stand. Während die israelische Gesellschaft immer weiter auseinander driftet und die Aufsplitterung in Religiöse und Säkulare, Linke und Rechte, Arm und Reich etc. fast unüberwindbar erscheint, sehnen sich die Menschen nach einer größeren Solidarität zwischen den Menschen, wie sie es zur Zeit des Holocaust angeblich gegeben haben soll.

Besonders beeindruckend empfand ich zu Beginn der offiziellen Yad Vashem Zeremonie, wie Korporal Guy Peltz in Militäruniform auf Jiddisch ( 7,20 Minute) das Lied Papirosen sang

Vor der Gründung des Staates Israel wählte der Zionismus das Hebräische als Nationalsprache, wohingegen das Jiddische in Palästina geradezu verfemt wurde. Jiddisch stand für den „alten Juden“, den „schwachen Juden aus der Diaspora“, wohingegen das Hebräische den neuen, starken Juden repräsentierte. Die Verbindung: Israelischer Soldat + Militäruniform + Yiddisches Lied hätte ich für undenkbar gehalten und zeugt von einem gewissen Reifeprozess, den die israelische Gesellschaft bezüglich des Umgangs mit der eigenen Diaspora-Geschichte gemacht hat.

Außerdem: Sehr beeindruckend – wie immer – die Rede von Präsident Shimon Peres, die hier in deutscher Übersetzung nachgelesen werden kann.

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Big Brother in Israel

Vor ein paar Tagen saß ich in einer Falafelbude und hinter mir entbrannte eine emotionale Diskussion zwischen zwei Männern: Es ging um einen Typen namens Saar, den die beiden übel beschimpften. Saar – so war man sich einig – sei ein „Linker der ganz üblen Sorte“, ein „Verräter“! Aber wie könne man ihn aus der Wohnung werfen, wenn ihn doch Araber und „die Linken aus Tel Aviv“ unterstützen würden? Erst nach und nach verstand ich, dass die beiden sich über die aktuelle Staffel von BIG BROTHER unterhielten, und dass es im Container anscheinend zu mehreren politischen Diskussionen gekommen war, welche halb Israel den Atem anhalten ließ. Zu Hause angekommen, fand ich im Internet schließlich die offizielle Zusammenfassung der Diskussionen, welche zu bester Sendezeit vom größten israelischen Fernsehsender ausgestrahlt wurde.
Heute bin ich auf dem Blog von Eran Vered auf eine englische Übersetzung dieser Zusammenfassung gestoßen.
Unabhängig davon, ob man mit Saars Positionen einverstanden ist oder nicht, zeigt der Beitrag, wie kontrovers man auch in Israel den palästinensisch-israelischen Konflikt diskutiert und wie diese Diskussion auch in den etablierten Medien ausgetragen wird. Weiter zeigt der Beitrag, wie stark politische Themen den Alltag der Menschen in diesem Land bestimmen. Während in der deutschen Version von BIG BROTHER der „Bewohner Klaus“ für Empörung sorgte, da er „seinen Po an dem Kopfkissen von Mitbewohnerin Lilly.“ rieb (vgl. Wikipedia), geht es in Israel um die Frage, wie die Existenz des Landes zukünftig gesichert werden könne.
Übrigens: Die Ausstrahlung der vierten Staffel endete bereits am 2. April. Saar Szekely konnte sich zwar nicht gegen alle seiner 20 Konkurrenten durchsetzen, gelangte jedoch trotz (oder wegen?) seiner politischen Ansichten immerhin auf Platz drei.